Freitag, 10. März 2017

Häppchen #2 // Der letzte Turm




Der letzte Turm

Die Luft roch anders an diesem Morgen, vielleicht wehte der Wind auch aus der falschen Richtung. Georg wusste es nicht und dieser Umstand beunruhigte ihn. Etwas nicht zu wissen, gehörte nicht zu den Eigenschaften eines ehemaligen Kommandanten.
Der Tag hatte gerade erst begonnen, als der alte Mann seinen Spaziergang um die Schutzmauer schon zur Hälfte hinter sich hatte. Eigentlich war es verboten sich um diese Uhrzeit außerhalb der Stadt zu bewegen, aber innerhalb herrschte immer ein stetiges Treiben. Menschen wuselten herum, standen an den Lebensmittelstationen an und tauschten Neuigkeiten aus. Es war nie still in den verzweigten Straßen, zwischen den verschachtelten und in die Höhe gebauten Häusern. Er wollte die Stille des Dschungels genießen, der in den letzten Jahren unaufhörlich an die dicke, hohe Mauer herangekrochen war. Aber die Stille war nicht die Gleiche wie gestern. Sie war erdrückend und irgendwie zu laut, um erholsam zu sein. Ein Kreischen lenkte die Gedanken des Mannes von der Stille ab.
Eine kleine Gruppe Pterodactylus und Archaeopteryx kreiste über den Baumwipfeln und Georg blieb stehen, um sie verwundert zu beobachten. Der gestreckte Kopf des Pterodactylus sah merkwürdig aus im Verhältnis zu dem sonst recht kleinen Körper. Auch seine enorme Flügelspannweite konnte ihn nicht größer erscheinen lassen. Neben dem kleinen, befiederten Archaeopteryx wirkte er zwar wie ein Riese, aber die gelben Brustfedern des Zweiten leuchteten dafür schöner als die schmutzig graue Haut des Größeren. Sie landeten auf einem kahlen Baum, fingen an sich gegenseitig mit den Schnäbeln die Haut zu kratzen und anscheinend verständigten sie sich untereinander, denn sie blickten zeitgleich in seine Richtung. Der Mann starrte zurück und grübelte. Sie gehörten zwar beide zu den Flugechsen, aber waren dennoch getrennter Art. In der Regel nahmen sie sich das Fressen weg. Die einzelnen Gruppen siedelten an verschiedenen Standorten. So einen Zusammenschluss hatte es seit Beginn der Saurieraufzeichnungen noch nie gegeben. Er zog die Augenbrauen zusammen, warf einen Blick zu dem linken Wachturm und atmete erleichtert auf, als er den Soldaten sah. Der Soldat stand zwar mit dem Rücken zu ihm und vernachlässigte seine Pflicht, aber Georg nahm es dem Soldaten nicht übel, wusste er doch um den wunderbaren Ausblick über die Stadt. Auch wenn man ihr Ende nur bei gutem Wetter sah, war die Aussicht jederzeit einen Blick wert. Für einen kurzen Augenblick fühlte sich Georg von den Flugechsen beobachtet.
Über sich selbst lächelnd, schüttelte er seine ergrauten Haare und setzte seinen Spaziergang fort.
„Du wirst alt und dazu noch paranoid!“, dachte er.
Georg war einer der Ältesten in der Stadt. Sicherlich waren in den anderen fünf Städten auch noch ältere als er anzutreffen, aber diese waren zu weit entfernt, um sie mal schnell besuchen zu können. Niemand nahm eine wochenlange Reise auf sich, nur um ein paar ältere Menschen zu treffen, mit denen man sich an die alten Zeiten erinnern konnte. Die unregelmäßigen Austauschtreffen waren schon gefährlich genug.
Die sechs Städte waren ein Zusammenschluss aus vielen kleinen Städten und waren damals aus der Notwendigkeit heraus entstanden. Früher sah das alles ganz anders aus. Die Menschen konnten sich außerhalb der Mauern aus Beton zu jeder Zeit frei bewegen. Man besaß Flugzeuge und Autos. Georg kannte das alles zwar nur aus den Diavorträgen, die sporadisch abgehalten wurden, aber er stellte sich das Leben ohne Mauer gerne vor. In den Jahrmillionen, in denen die Saurier und Menschen nun schon nebeneinander lebten, hatte sich der Lebensraum des Menschen immer weiter verkleinert, bis nur noch die sechs großen Städte übrig geblieben waren. Die Saurier vermehrten sich schnell, der Dschungel breitete sich aus und es dauerte immer eine geraume Zeit, bis der Mensch sich den Entwicklungen angepasst hatte.
Der Wind pfiff um die Mauern, ließ die Blätter des Dschungels erbeben und gab der morgendlichen Stille eine Stimme.
Fröstelnd zog der Mann seine Jacke zu und atmete die Herbstluft tief ein. So vieles hatte sich verändert, aber letztendlich waren doch die Menschen überlegen und würden sich über die Dinosaurier hinwegsetzen. Diese Stadt galt als uneinnehmbar. Er hatte dabei geholfen, sie zu dem zu machen, was sie jetzt war. Nun würden seine Söhne die Stadt weiterführen und bisher hatten sie einen guten Anfang gemacht. Die neu ausgeklügelten Fangmethoden hatten ihnen erst gestern reichlich Fleisch für die Vorratslager verschafft. Eine hochtragende Tyrannosaurus-Kuh, die mit ihren Stummelarmen nichts gegen die Stahlschlinge um ihren Hals hatte machen können. Das Seil schnitt so tief in die Schuppen, bis Blut die braune Haut herunterlief. Mit den vier Meter hohen Hinterbeinen versuchte sie, die Menschen zu treten, aber auch dort spannte sich das Stahlseil.  Der Brachiosaurus wehrte sich nicht so lange. Sein dreißig Meter langer Körper hatte nicht schnell genug auf die Stahlseile reagieren können. Ein Jubel brach unter den Männern aus, als der Saurier auf dem Boden lag und sich die schuppige Haut zerschrammte.
Dinosaurier waren nur dumme Tiere, mehr nicht. Wir Menschen haben zwar herbe Verluste einstecken müssen, aber wir werden diesen Mistviechern schon noch zeigen, wer hier das Sagen hat!“
Der alte Mann dachte über sein Lieblingsthema nach. Er blieb stehen, drehte sich um und schaute zurück zu den Flugechsen. Sie saßen immer noch auf dem Baum und blickten ihm nach. Ein bitterer Hass kam in Georg hoch und er spuckte in das Gras zu seinen Füßen. Wie er diese Viecher hasste. In seinen Augen waren sie daran schuld, dass seine Enkelkinder Kühe, Schafe und andere Tiere nur noch von Bildern kannten. Die Ställe und Gehege, die sich früher außerhalb der Schutzmauer befanden, waren alle leer und verwahrlost. Irgendwann kamen keine Nachkommen mehr. Die Tierärzte konnten nichts finden und so sahen die Menschen zu, wie ein Tier nach dem anderen verschwand. Georg glaubte, dass die Saurier daran schuld seien. Wer auch sonst?
Die Mistviecher fraßen ihnen einfach alles weg.
„Sollen sie sich doch untereinander auffressen“, schoss es Georg durch den Kopf.
Nachdem der Mensch keine Nutztiere zum Verarbeiten mehr hatte, wand man sich den Dinosauriern zu. Schnell hatten die Menschen herausgefunden, dass deren Fleisch genauso gut verarbeitet und gegessen werden konnte.
„Irgendwann machen wir euch fertig, ihr dummen, verblödeten Viecher!“, er schrie seine Wut in Richtung Dschungel und lachte dann aus vollem Hals. Nichts konnte die menschliche Rasse ausrotten.
Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung war und sprang alarmiert zur Seite. Sein Herz raste und er schloss erleichtert die Augen. Eine Wache winkte ihm nur von einem Kontrollfenster aus dem vier Meter dicken Bollwerk zu. Er hob den Arm, grüßte zurück und wunderte sich, warum er heute so schreckhaft war.
Anscheinend rief der Soldat etwas, aber das Gehör war genauso alt wie der Rest des Mannes. Nur einzelne Wortfetzen erreichten ihn. Der wachhabende Soldat deutete auf den Dschungel und der alte Mann drehte sich um.
Vor ihm stand ein wirklich großes Exemplar eines Raptors. Georg legte den Kopf in den Nacken, unfähig sich zu bewegen. Der Saurier hatte sich auf seine volle Größe aufgerichtet und hinterließ mit seinen Krallen tiefe Spuren im Boden. Georg musste nicht hinsehen, ihm reichte es, dieses Geräusch zu hören, denn er wusste wozu diese Mordinstrumente benutzt wurden.
Die grünbraune Haut des Sauriers reflektierte die Sonne. Er gab ein Geräusch von sich, fast wie ein hysterisches Lachen und senkte den Schädel.






Und, was sagt ihr zum Anfang meiner Kurzgeschichte „Der letzte Turm“, erschienen 2012 im VSS Verlag? Wenn er euch gefallen hat, könnt ihr das eBook HIER kaufen.

Ganz herzliche Grüße
Juliane







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